Kalligrafie - Gottfried Pott/Verlag Hermann Schmidt Mainz; 2006; Band 2



Es gibt Bücher die sind wehrlos und zynisch zugleich. Kalligrafie-Intensiv-Training ist ein Ratgeber- und "Bilderbuch" für Hobby-Kalligrafen, überreich ausgestattet mit Kalligrafien des Autors. Es ist der Folgeband von "Kalligrafie-Erste Hilfe", den wir auch besprochen haben. Auf der Rückseite wird der Käufer in großen Lettern ermutigt: "Erleben Sie Ausdruckskraft und Ästhetik Ihrer Handschrift!" Das klingt zunächst recht vielversprechend. Doch leider wird das Thema Hand-Schrift dann doch wieder nur oberflächlich behandelt. Unqualifiziert und ohne adäquates Bildmaterial. Der rückseitige Lockstoff-Satz "Erleben Sie Ausdruckskraft und Ästhetik Ihrer Handschrift!" geht ins Leere. Die Handschrift des Autors Gottfried Pott, der zwar Kalli-grafie-Professor ist, sich hier jedoch auch als Hand-schrift-Fachmann betätigt, sucht man vergebens. Unsere Frage warum das so ist, bleibt unbeantwortet.

Zur Information: Ein Kalligrafie-Professor wird wissen, daß Handschrift und Kalligrafie nicht einunddasselbe ist, sondern zwei Disziplinen sind mit extrem gegen-sätzlichen Eigenschaften. Vor diesem Hintergrund ist Pro-fessor Potts Konglomerat (Einheitsbrei) aus Grafologie, Kalli- und Typografie plus Handschrift-Ästhetik (woher haben Sie diesen Begriff?) von besonderer Bedeutung.

Die Handschrift des Anstoßes (im Buch Seite 15 unten) sollte man mit eigenen Augen gesehen und das Buch gelesen haben! Sonst glaubt man es nicht! Es ist nur eine sehr kleine Illustration. Die aber hat es in sich.

Das Kapitel "Zur Bedeutung der Handschrift" ist mit acht Abbildungen bestückt, die bis auf eine, auf die kommen wir zurück, keinerlei Bezug zur aktuellen Schreibsituation (persönlicher Handschrift) erkennen lassen. Einzig eine kleine unauffällige Schreibprobe zeigt Handschrift-Charakter, ist aber gleichzeitig (merkwürdig!) auch die einzige Schrift ohne Urhebernennung - die Bild-unterschrift lautet lapidar: "Handschrift eines betagten hochverehrten Freundes". Mehr wird über diese namenlose Handschrift nicht gesagt und man fragt sich, warum sie hier platziert ist und ob sie überhaupt eine Rolle spielt. Tut sie!



Auf Seite 34, also neunzehn Seiten weiter, in dem Beitrag "Schreiben als Impuls des Typedesigns", ist eine typografische Arbeit, die als "Pinselschrift-Kalligrafie" bezeichnet wird (Abb. ganz unten) und das Typo-Alphabet Sho abgebildet (siehe Ausschnitt links, Sho ist ein Gebrauchsschrift-Alphabet, das wohl in den 80er Jahren des vergangenen Jahrtausends entstand). Beides stammt von dem international anerkannten Typografen und Kalligrafie-Professor Karlgeorg Höfer, der 6 Jahre vor Veröffentlichung des Buches verstarb. Herr Pott rühmt das Höfer'sche Lebenswerk und schaltet sodann noch einen Gang höher: Ja sogar seine ganz "normale" Handschrift verdient bereits, Kalligrafie genannt zu werden. Doch die Leser können nicht nachvollziehen was der Autor meint, Herr Pott "adelt" eine Handschrift als Kalligrafie, ohne sie zu zeigen – sie bleibt schlechterdings Beispiel-los. Warum? Warum wird die so über alle Maßen gepriesene Handschrift eines berühmten Typo- und Kalligrafen nicht gezeigt? So etwas geschieht nicht "aus Versehen" und ohne Grund. Die schriftliche Anfrage beim Autor klärt uns auf: Selbstverständlich ist die Handschrift des Karlgeorg Höfer abgebildet: Es ist die namenlose auf Seite 15! (Abb. links) Eine Kenntnis, die jedem anderen Leser fehlt. Und wir verstehen: Hätte der Name des "hochverehrten Freundes" Höfer, unter der Schriftprobe gestanden, wäre der "Schwindel" wohl aufgeflogen: Es ist nämlich gar nicht Karlgeorg Höfers "normale Handschrift" sondern seine "Schönschrift", die nur noch rudimentär an seine echte Handschrift erinnert und Ursprünglichkeit und Ausdruckskraft, wie sie nur eine echte Handschrift hat, gänzlich vermissen läßt. Hier ist den Lesern also, genau wie im Fall der Schade’schen Handschrift-Manipulation, eine kalligrafisch geschönte als "echte" Handschrift untergeschoben worden. Dann ist die natürliche Höfer-Handschrift Herrn Pott wohl nicht schön genug? Und das Märchen von einer Handschrift, die Kalligrafie genannt werden muß, fällt wie ein Soufflé in sich zusammen. Uns ist, weil Professor Höfer uns vor einigen Jahren privat aufsuchte und während des Gesprächs freundlicherweise seine persönliche "Alltags-"Handschrift hinterließ, diese nämlich bestens bekannt.

Vergleicht man diese* (rechts) mit der anonym gebliebenen Höfer-Schrift und hört die Pott’schen Worte: Ja sogar seine ganz "normale" Handschrift verdient bereits, Kalligrafie genannt zu werden, dann fragen wir uns, welches Problem haben Kalligrafen eigentlich mit natürlicher Handschrift? Diese, schon fast neurotisch anmutende Emsigkeit, die eigene Handschrift zu verbergen, verleitete Professor Pott, die "Handschrift eines (längst verstorbenen) hochverehrten Freundes" zu präsentieren, die Leser irrezuleiten und den so "Vor-geführten" postum zu entwürdigt - ist die Schrift auch geschönt und ist sie auch namenlos – gerade deshalb. Denn gerade das macht die Absicht dahinter so deutlich. Es geht noch weiter:


* authentische Höfer-Handschrift

Was halten Sie von einem Autor, der (aud Nachfrag) zwar sagt: "Als Handschrift-Experte habe ich mich nie bezeichnet.", sich aber dennoch als ein solcher geriert, wenn er "feststellt":


Gestische Zeichen? Fingerübung?


Seine (Höfers) gestischen Zeichen, (rechts, als Ausschnitt): kühn auf das Papier gesetzt, fesseln durch Spontaneität und durch ihren hohen Abstraktionsgrad. Aber letzten Endes ist seine Handschrift der Schlüssel zu seiner Schriftkunst. und noch: Selbst die starken Verfremdungen der eigenwilligen Pinselschrift Sho haben hier ihren Ursprung. Wir haben Herrn Potts eigene "gestische Zeichen" und "Fingerübungen zur Einstim-mung" aus dem Buch Kalligrafie-Erste Hilfe, noch vor Augen (siehe Abb. rechts unten) und fragen uns, woher diese Einschätzung rührt und wo der Autor einen Zu-sammenhang zwischen Höfers Handschrift und seiner Pinsel-Typografie Sho erkennt? Handschrift hat, das sieht man hier ganz deutlich, nichts mit Kalli- und Typografie gemein, sie sind Antipoden und schließen sich gegen-seitig aus: Je kalligrafischer desto weniger Hand-Schrift. Haben Kalligrafen kein Gefühl für Ausdruck? Geht ihnen der Blick für Ursprünglichkeit mit der Zeit verloren? Weder das typografische Sho-Alphabet noch die "Pinsel-Kalligrafie" haben irgendetwas mit Handschrift gemein, noch sind es "gestische Zeichen", sondern ganz ruhig am "Reißbrett" (vor-)geschriebene Buchstaben, die kon-zentriert und achtsam, mit Pinsel und minimaler Gestik, aber niemals "kühn auf das Papier gesetzt" wurden, und sie werden wohl auch keinen Betrachter ausgerechnet "durch Spontaneität fesseln" können.

Fazit: Der Kultur schädigende Mythos "Kalligrafie ist Handschrift" wird von Professor Pott unter zu Hilfe nahme der "falschen Handschrift" eines verstorbenen Kollegen weiter getragen und der Leser getäuscht.