Die "vereinfachte Ausgangsschrift"( VA) und warum sie nicht schreibbar ist



Typische VA-Schreibweise v

Die "vereinfachte Ausgangsschrift" ist keine Schreibschrift


oben: die richtige Schreibschrift - unten: VA, die Schrift ohne Grundlinie, mit Haltepunkten und zahllosen Luftsprüngen ist als Schulschrift nicht geeignet.



Wie einem Baum Äste und Zweige abgeschlagen werden, wenn man nur den Stamm braucht, schnitt Heinrich Grünewald* der Lateinischen Ausgangsschrift die An- und Abstriche ab, weil er nur den Rumpf brauchte und nannte das "Vereinfachung der Schrift". Dass dieser Akt auch gleich der fließenden Schreibbewegung den Garaus machte, kann man an fast jeder Schülerhandschrift sehen. Das beliebte "Buchstabenkillern" bekommt hier wohl eine zusätzliche Dimension.

*Herr Grünewald war Grundschullehrer und gilt als "Erfinder" der VA.

Als die kurzen An- und die runden Ab-Striche der LA




abgeschnitten waren, übertrug er deren Aufgabe einem Strich, der (rechts vom Rumpf) beim Schreiben in spitzem Winkel von der unteren Linie bis in "Kopfhöhe" der Kleinbuchstaben hochgezogen werden muss.

Hierdurch wurde der Schwerpunkt (die Statik) der Buchstaben völlig verändert und höher gelegt. Der Anschlusspunkt für das nachfolgende (bzw. vorhergehende) Schriftzeichen liegt nun nicht mehr am Fuß des Buchstabens und auf der Linie, sondern oben, bei kleinen Buchstaben am Scheitelpunkt, bei Buchstaben mit Oberlängen in der Mitte.

Dieser Eingriff kappte die Lebensader, und nahm der Schrift die Statik, den Charakter und natürlich auch die Schreibtauglichkeit. Die Buchstaben sind nicht mehr rund und können auch nicht mehr fließend miteinander verbunden werden. Auf die Schreibhand wirkt das in etwa so, als hätte man einem Herzschrittmacher einen falschen Akku eingesetzt.




der "Schreibrichtungswechsel" kommt beim VA-e 2 Mal vor (oben und unten) - das LA-e hat so etwas nicht

Am e wird die Instabilität der neuen Buchstaben noch deutlicher: Links das LA-e, das auf der (unteren) Linie beginnt und "ausrollend" endet - daneben das VA-e das "irgendwo" beginnt, eine kleine Schlaufe (Köpfchen genannt) bildet, um dann in spitzem Winkel an die (obere) Mittellinie zu stoßen. In Kombination mit einem anderen Buchstaben hängt das e wie an einer Angel in der Luft, was zu Irritationen führen kann, wie das ue zeigt, denn diese Kombination könnte genau so als we durchgehen...Das e ist übrigens der im Deutschen am häufigsten gebrauchte Buchstabe, wie man hier unten sehen kann: 50 Mal e - heißt 50 Mal "Drehrichtungswechsel"! - Wenn ich könnte, würde ich Heinrich den Schreibschrift-"Killer" gern fragen:

"Sagen Sie, Herr Grünewald, wieso erzählen Sie uns, Sie hätten in Ihrer Schrift den komplizierten 'Drehrichtungswechsel' reduziert? Kommt er in Ihrer Schrift nicht erst richtig zum Einsatz? Muss er doch in der VA sogar bei allen Klein- und bei vielen Großbuchstaben geschrieben werden, und zwar bei über 40 von 53 Schriftzeichen, bei einigen Buchstaben sogar zweimal pro Zeichen. Und was sagen Sie dazu, dass Sie auch sämtliche "Deckstriche" erhalten haben, obwohl Sie behaupten, Sie hätten sie extrem minimiert? Und wie begründen Sie den völligen Grundlinienverlust? Macht es Ihnen etwas aus, dass Ihre Schrift Millionen schreibgeschädigter Schüler "produziert"? Was sollen wir hilflosen Lehrerinnen und verzweifelten Schülern und Müttern sagen?

Und können Sie uns auch etwas über Ihr Motiv verraten? Was veranlasste Sie 1970, diese "Schrift" zu entwerfen und an die Schule zu bringen?"



Neben dem Verlust der schwungvollen Groß- und dem völligen Ruin der Kleinbuchstaben


wurde den Kindern zum Schreibenlernen noch eine Hürde in den Weg gestellt, die unüberwindbar ist. Vielleicht geschah es aus Unkenntniss, denn typografische, schriftwissenschaftliche Grundregeln und sensomotorische Beratung fanden hier jedenfalls keinen Niederschlag, und die Grünewaldsche Hoffnung, DRUCKSCHRIFTGROSSBUCHSTABEN durch SCHRÄG stellen zu Schreibschrift machen zu können, spricht gegen typografische Erfahrenheit. Auch der in spitzem Winkel verlaufende "Fußstrich" vermag keinerlei Schreib-Effekt zu erzeugen. Die VA ist schreibbewegungstechnisch gesehen ein GAU, und dass Bewegungswissenschaftler und Kinderärzte nicht laut genug protestieren, ist der traurigste Teil der 40 jährigen VA-Schreibkatastrophe.