Handschrift muß sich bewegen.


unten: Englische Schreibschrift; gleichmäßige Kalligrafie - oben: Bewegte Handschrift


Die meisten Menschen hätten gern eine gleichmäßige Handschrift. Das aber ist so gut wie unmöglich. Denn "genormtes" Schreiben gibt es nicht. Schreiben ist Gefühlssache und stimmungsabhängig. Schreiben ist ein spontaner Bewegungsablauf, und der wirkt jeder Gleichmäßigkeit entgegen. Handschrift muss sich beswegen. Wenn sie nicht bewegt, sondern gleichmäßig akurrat ist, ist es statische Schönschrift (Kalligrafie) und keine lebendige Handschrift.

Gleichmäßigkeit ist nämlich eine Eigenschaft der Kalligrafie. Gleichmäßigkeit ist steril und wirkt auf richtiges Schreiben wie ein Knebel, lässt die Hand verkrampfen und nimmt den Buchstaben die natürliche Lebendigkeit.

Verderben Sie Ihre Handschrift nicht durch Schönschreib-Übungen. Handschrift ist lebendig und sie spiegelt die EMOTIONEN des Schreibenden. Aus diesem Lebensgefühl heraus entstehen Charakter und Vitalität der Schrift.

Die konsequente Unterscheidung zwischen Hand-Schrift und Schön-Schrift ist von entscheidender Bedeutung und kein "ideologisches Gerangel". Die richtige Wahrnehmung der Schreib-Bewegung und Kenntnisse der Handschrift-Eigenschaften sind Voraussetzungen für ein Schreib-Verständnis, wie es auch in asiatischen Ländern gepflegt wird. Nach den Maßstäben der spezifischen Handschrift-Ästhetik ist Handschrift nur dann echt und "schön", wenn sie UN-regelmäßig ist und bewegt. Den Unterschied können Sie an Ihrer eigenen Herangehensweise spüren: Erfordert es nicht eher Mut, als Konzentration, die Handschrift "laufen" zu lassen? Wünschen Sie sich also lieber eine bewegte Handschrift, eine, die Ihr Selbstbewusstsein ankurbelt, statt einer gleichmäßigen. Das nebenstehende Gedicht von Erich Fried zeigen wir in Kalligrafie und in Hand-Schrift, um den Unterschied und die Wirkung zu demonstrieren: Nicht nur dass die Handschrift-Schreibrichtung innerhalb des Wortes wechselt, schauen Sie auf das E am Anfang der Zeilen, zählen Sie die unterschiedlichen Formen und beachten Sie die unregelmäßige Reihenfolge.

Die geradezu "suggestive" Aussagekraft der ungleichmäßig geschriebenen Handschrift ist wohl unbestritten. Hier scheint ein innerer Kampf stattzufinden, der sich in den Buchstaben niederschlägt. Der Adressat dieser Zeilen spürt das mit Sicherheit. Die schnörkelige Schönschrift hingegen läßt ihn kalt. Sie ist austauschbar. Die Schreiberin der Handschrift nicht.

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