Die Primar-, Sekundar- und Tertiar-Schriften

Weltweit und seit Jahrtausenden prosperiert die Schriftkultur auf zwei Ebenen: Dem Primarschrift- und dem Sekundarschrift-Bereich. Die Bezeichnung Primarschrift bezieht sich auf Typo- und Kalligrafisches, also auf alles "Schriftliche", das auf festgelegte Schriftformen, Design und Dekoratives zurückzuführen ist, das nicht im Sinne authentischer Handbewegung entsteht.

Als Sekundarschrift(en) bezeichnet man authentisch Handgeschriebenes, also die Handschriften und die Stenografie. Beide Schreibtechniken sind keine Schriften in typografischem Sinne, weil sie - im Gegensatz zur Primarschrift - nicht aus einem feststehenden Alphabet, sondern physisch geschrieben werden, das heißt, sie entstehen immer wieder neu und ihre Formen variieren permanent. In Deutschland basieren die Handschriften und die Stenografie auf der Jahrhunderte alten Lateinischen Schreibschrift. Da die Stenografie eine Kurzform der "lateinischen Langschrift" ist und als eigenständige Schreibtechnik (jedoch nicht als alphabetische Schrift) angesehen wird, ist sie genaugenommen eine Schreibtechnik dritter Ordnung, sodass wir von "Tertiar-Schrift" oder "tertiären Schriftzeichen" sprechen.




Im Westen der Welt begann man mit Rohrfeder, Hammer und Meißel, und schlug die ersten Zeichen in Gestein...



...in China und Japan nahm man zum Schreiben geschmeidige Pinsel. Die Evolution der Schrift und des Schreibens war also schon von Anfang an ziemlich gegensätzlich. Und so gegensätzlich die Utensilien waren, so gegensätzlich entwickelte sich auch das Schreibbewusstsein der Menschen. Denen, die mit Pinsel schrieben, bescherte die Evolution eine Schreib-Hochkultur, den anderen nahezu ein Nichts.



Wieso?

Weil die japanischen Pinselschreiber schnell begriffen, dass Schriftzeichen die mit Pinsel geschrieben werden, deutlich die typische Handschrift des Schreibers zeigen. Pinsel sind hoch flexible, seismografische Schreibgeräte, und Pinselgeschriebenes transportiert deshalb auch nicht nur rein rationale Information, sondern immer auch eine unkalkulierbare emotionale Reaktion.


Die Japaner nutzten diesen Effekt, der ihnen als zusätzliche, künstlerische Botschaft willkommen war, auf ganz besondere Weise. Sie kultivierten das Schreiben dergestalt, dass neben der reinen Schriftzeichen-Entwicklung (Typografie) eine S c h r e i b kultur erblühte, die zwei unterschiedliche Ziele verfolgte: eine mit betont rationaler und eine mit emotionaler Ausbildung. Das Ziel des rationalen Schreibens ist die Ausprägung der eigenen Handschrift (was in Japan zur allgemeinen Persönlichkeitsbildung gehört), das Ziel emotionaler Ausbildung ist die Schreib-K U N S T, also die Fähigkeit, das eigene Lebensgefühl schreibend umzusetzen (vergleichbar mit Komponieren von Musik). Ausgangsmaterial hierfür war und ist anspruchsvolle Lyrik. Vergleichbares gibt es im Westen nur in der Philographie®. Wer der Virtuosität dieser ungewöhnlichen Schreib-Kunst auf die Spur kommen möchte, dem empfehle ich Werke japanischer Sho-Künstler oder hier zu klicken: www.europhi.de/de/schriftzeichen-philogramm/