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Vorab: Nur Handschrift wird wirklich geschrieben (siehe Abb. 1), kalligrafische Buchstaben werden aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt - also nicht geschrieben.
Kalligrafieren ist ein altes Handwerk, das nichts - absolut nichts! mit Handschrift gemeinsam hat.
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Dass die Kalligrafie dem Untergang entgegen strebt, ist kein Geheimnis und wird auch von den Kalligrafen selbst so gesehen. Was hat das mit Schreiben allgemein und mit Schreiben lernen in der Schule und der persönlichen Handschrift zu tun? Die Prophezeiung vom Ende des Schreibens ist inkompetentes Geschwätz und steht den alltäglichen Bedürfnissen entgegen: Kein zivilisierter Mensch wird aufhören zu schreiben, nur weil kalligrafische Schrift-Bilder aus der Mode sind oder Computer zur Hand sind. Hier wird etwas verwechselt, oder besser: es wird eine Nähe hergestellt, die gar nicht existiert. Kalligrafische Buchstaben werden nicht geschrieben (siehe oben), sondern aus Strichelementen zusammengefügt. Kalligrafie hat mit Handschrift und Schreiben so wenig gemeinsam, wie Keyboards mit Kugelschreibern. Sie, lieber Leser, haben es längst selbst bemerkt: Allen Unkenrufen zum Trotz erlebt Handschrift und Handschrift-Design seit zwanzig Jahren einen rasanten Aufstieg. Den verdanken wir kulturellen Impulsen aus China, Japan und den USA. Und der Schreibgerätemarkt boomt! Wer kann da von Niedergang sprechen?
Es ist also nicht das Schreiben ansich, sondern ein tradiertes Handwerk, das seinen Atem aushaucht und zugrundegeht. Und zwar an dem, was es selbst losgetreten hat: An der gnadenlos verfälschten Darstellung, Kalligrafie sei Handschrift! Und: natürlich die bessere! Proklamieren Kalligrafen nicht seit ewigen Zeiten: "Handschrift-schreiben bleibt zügellose Schmiererei, diszipliniert man sie nicht mit Schönschrift-Übung!"? Genau das wird ihr nun zum Verhängnis. Denn die Maßgaben für Schönschrift heißen Beschränkung, Uniformität und Makellosigkeit, und genau das sind die Kanonen mit denen auf persönlichen Ausdruck, Lebendigkeit und Freude am Schreiben, geschossen wird. Aber genau danach, nach Authentizität und Lebendigkeit sehnt sich der Mensch im Zeitalter entseelter Technologie. Mehr als nach allem anderen. Die Menschen möchten Echtes und Wahrhaftes spüren, sie wollen sich selbst begegnen, sie möchten sich in dem was sie tun erleben und spiegeln. Kalligrafie spiegelt nicht, Kalligrafie schmückt. Handschrift hingegen ist Leben. Jeder schreibende Mensch weiß das.
Und jeder Kalligraf weiß auch (vielleicht weil er selbst eine "Sauklaue" hat), dass Handschrift keine Kalligrafie ist Deshalb nennen wir sie die "Schönschreib-Lüge".
Spielregeln eines Kunsthandwerks – die nur Insider kennen, können nicht für schulkindliche Lern-Prozesse gelten. Das leuchtet ja wohl jedem ein. Die verhängnisvolle Verquickung von Handschrift und Kalligrafie ist die Wurzel eines Übels, das den Nährboden bildet für Probleme der Kinder und Pädagogen, und für Schreib-Ängste vieler Erwachsener - gleichermaßen aber ist sie auch der entscheidende Impuls dafür, dass Kalligrafie sich nicht regenerieren kann.
Hätten Kalligrafen nicht Jahrhunderte lang, und in letzter Zeit noch verstärkt, die Handschrift verteufelt, sie als unkultiviert diskreditiert und ihr jede künstlerische Basis, und nun auch noch die Zukunft abgesprochen, hätten sie sich stattdessen ihrer angenommen und Lern-Programme für Kinder entwickelt, statt zu lamentieren, vielleicht wäre die deutsche Kalligrafie in Zukunft noch von kultureller Bedeutung. Aber so…
Es sind vor allem professionelle Kalligrafen, die die Schönschreib-Lüge zum Dogma erheben und sie mit Ratgeber-Bücher zum Thema "Handschrift verbessern"(!) untermauern. Und zwar in dem Bewußtsein, dass dadurch der deutschen Schreibkultur und Schreiben-lernenden Kindern und Pädagogen Schaden zugefügt wird.
Wir appellieren an Typo- und Kalligrafen, das Schreiben und die Handschrift nicht länger zu kompromittieren. Schreibgerätehersteller und Verleger bitten wir, keine "Kalligrafie-ist-Handschrift-Ratgeber" mehr zu produzieren, und sich für die Einführung einer richtigen Schreib-Kultur einzusetzen, aktiv mitzuhelfen den kulturellen Schaden zu verringern und Handschrift als das zu begreifen, was andere Kulturen längst praktizieren: Schreiben ist ein anspruchsvolles Kulturgut mit brillianten Eigenschaften und - bei entsprechender Ausbildung - von hohem künstlerischem Niveau.
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