Kurzes Video zur richtigen Stift-Füller-Handhabung

Liegt es am Schreibgerät oder mehr am "Mühe geben"?

Der unten folgende Artikel sorgte Anfang 2010 für Unruhe unter Schreibgerätesammlern (was übrigens ganz in unserem Sinne war), er entstand vor dem Hintergrund, dass es in Deutschland über zehn Millionen Semi-Anlaphabeten gibt. Semi-Analphabeten sind Erwachsene und Schüler, die nicht lesbar schreiben können, weil es Ihnen in der Schule nicht beigebracht wurde. Entsprechend schlecht fällt ihre Lese-(Recht-)Schreibfähigkeit aus...

Diesen Menschen entgegenzuhalten:"Kauf Dir einen neuen Stift, dann wird es besser!" gehört wohl zu den dümmsten Ratschlägen, die man einem Menschen geben kann. Füller sind keine Pädagogen. Kinder lernen schreiben nicht vom Schreibgerät, sondern durch richtige SchreibLEHR-Anleitung. Und weil Lehrer/innen die Schreiblehrausbildung FEHLT, kann kein Schreibgerät der Welt dafür sorgen, dass aus einem Schreibunkundigen ein Schönschreiber wird.

Schreibgerätesammler, die über diese Erkenntnis verärgert sind, weil sie glauben dies "schmähe" den Gegenstand ihrer Leidenschaft, fragen wir: "Ist es Ihnen lieber, wir geben den Schreibgeräten die Schuld an dem deutschen Schreib-Desaster? Gibt es zehn Millionen Semi-Analphabeten weil die Schreibgeräte heutzutage so schlecht sind?" Vielleicht habe Sie recht. Alte, edle Schreibgeräte, vor allem jene, die Gegenstand anspruchsvoller Sammelleidenschaft sind, kommen dem Anspruch, perfekte Schulfüller zu sein, sehr nah. Sie werden aber nicht für Kinder hergestellt. Auch nicht so ähnlich. Kinder bekommen minderwertiges Plastikzeug mit unflexibler Stahlfeder in die Hand gedrückt, das sie im "Zangengriff" (!) greifen und dann damit schreiben sollen.




Wo sind die Designer, die die Entwicklung der Schreibgeräte verantwortungsvoll-innovativ und im Sinne der "Sammlerstück"-Meisterleistungen auch für Kinder vorantreiben und realisieren? Anspruchsvoll schreibende Kinder sind auch die Zukunft der Schreibgeräte für Erwachsene, wie Montblanc, Faber-Castell, Parker und wie sie alle heißen. Zurzeit ist es wohl eher so, dass sie ihr eigenes Marktsegment vernichten.



blau/links: Pelikans Griffix mitte: Montblancs Mozart rechts: Stabilos Easy move (auch "Gurke" genannt)


Am Beispiel des Montblanc Mozart ist die optimale Stiftstärke und -länge für Kinderschreibgeräte zu erkennen. Den Mozart kann sich nur kein Schüler leisten. Aber solche Kinderfüller ließen sich herstellen. Warum macht das niemand?


Rote Schrift: Handschrift eines Jungen (Gymnasium)


"Kugelschreiber machen keine schlechte Handschrift und Füllfederhalter keine bessere."


Ist, wenn eine Operation mißlingt, etwa das Skalpell schuld? Natürlich nicht. In puncto Schreiben aber wird das behauptet: das Schreib-GERÄT ist schuld: Wenn die Schrift schlecht ist, liegt es am Kugelschreiber - und nur der "allmächtige" Füller macht sie wieder "schön". Das ist Unsinn. Es gibt keine einzige Handschrift, die sich aufgrund des Füllfederhalters "verbessert" hätte. Oder gäbe es in Deutschland sonst über zehn Millionen Menschen (Kinder und Erwachsene) mit unlesbarer Handschrift, die Schreiben hassen wie die Pest? Alle schreiben mit Füller. Vielleicht schreibt man mit einem neuen oder besonders teuren Schreibgerät einige Zeit etwas lesbarer. Dann hat sich die Schrift aber nicht durch den Stift verändert, sondern allein durch die erhöhte Konzentration. Wer die Mär vom "guten" und "bösen" Schreibgerät in Umlauf gebracht hat, weiß man nicht. Doch alle glauben, der "böse" Kugelschreiber schreibt schlecht und der "gute" Füllfederhalter schreib gut.

Schreiben findet immer zuerst im Kopf statt. Sobald das Wort zu Ende gedacht ist, fließt es wie selbstverständlich aus Hand und Stift auf das Papier. Dabei konzentriert man sich auf das Wort, nicht auf den Buchstaben.

Das ist der Moment, der über Lesbarkeit entscheidet.


geschrieben mit Füller von einem Jungen, 4. Klasse

Während der Kugelschreiber in der Lage ist, in Windeseile, ja fast schneller noch als die Gedanken über das Papier zu gleiten, schleppt sich der Füller triefend und recht gemächlich über den Schreibgrund, weil sonst der Tintenfluss reißt, so zwingt er den Schreibenden zur Ruhe, der dadurch mehr Zeit hat, den Buchstaben auszuformen. Das heißt, wäre der Füller nicht so langsam, sähe das Geschriebene genau so aus wie die Kugelschreiberschrift. Und umgekehrt: schriebe der Kuli ebenso langsam wie der Füller, sähe sie aus wie die Tintenschrift.

Vergleichbares gilt für Blei- und Filzstifte, die von der Schreibgeschwindigkeit her, genau zwischen den beiden Konkurrenten liegen. Aber über diese beiden Kategorien regt sich niemand auf. Im Gegenteil, man hört schon mal sagen: "Ich schreibe gern mit Bleistift" - vor allem, seit Schreibgerätehersteller sich des Bleistiftes angenommen haben und mit hervorragendem Design ausstatten. Filzstifte sind als adäquates Schreibgerät noch nicht im allgemeinen Bewußtsein angekommen, weil sie oft den Nachteil haben, daß die Farbe durchschlägt, was den Papierverbrauch erhöht und außerdem nicht gut aussieht. Aber der Filzstift an sich ist ein tadelloses Schreib- und Zeichengerät.

Das Schreibgerät ist also nicht schuld daran,

dass die SchreibHAND entgleitet, sondern der Kopf des Schreibenden, der sich sagt: "Wenn ich mit 350kmh über die Autobahn fahren kann, dann tu‘ ich das auch, ohne Rücksicht auf Verluste." Dass dieses Fahrverhalten anders ist, als das eines Normalfahrers, weiß jeder. Im übertragenen Sinne ist der Kugelschreiber der Raser auf der Papierautobahn und der Füllfederhalter der Genussfahrer (bitte positiv verstehen).

Dass die Schreibweise eines Schreibrasers lässiger ausfällt als die eines gewissenhaften Schreibmalers, liegt auf der Hand. Es ist also nicht die Schuld des Gerätes, dass die Schrift entgleitet, sondern die des Schreibenden, der sich auf dieses verlockende Drama einlässt.

Möglicher Weise ist der Mythos schnelles, böses versus gutes, langsames Schreiberät entstanden, weil Füllfederhalterhersteller die Konkurrenz des kleinen schnellen, kugeligen Schreib-Blitzes fürchteten, der so verführerisch flink ist und auf Knopfdruck schreiben kann. Der Kuli trat nämlich erst einhundert Jahre nach dem ersten Füllfederhalter auf den Plan und hat den Schreibmarkt kräftig - und wie wir inzwischen wissen - nachhaltig aufgemischt.

Also: Keine Angst vorm Kugelschreiber. Sie müssen Ihn nur etwas ausbremsen. Und wer mit seinem neuen Füllfederhalter besser schreibt als mit dem alten, der tut dies, weil er selbst mehr auf die Buchstaben (die Schrift) achtet als zuvor und nicht etwa, weil der Füller dies tut.