Schreib mal wieder!

Digitale Geräte machen der Schreibschrift Konkurrenz.- Experten sind jedoch überzeugt: Wer weiterhin Dinge von Hand notiert, bleibt geistig wacher, zeigt Persönlichkeit und weckt zudem mehr Sympathien von Tanja Eckes (Text) und Marina Friedrich (Illustrationen)

Wann haben Sie zuletzt einen Stift in der Hand gehalten? Gestern beim Kritzeln der Einkaufsliste, vor zwei Wochen, als Sie schwungvoll Glückwünsche auf einer Geburtstagskarte formulierten? Oder schon so lange her, dass Sie sich kaum noch daran erinnern können? Im Digitalzeitalter wird die Postkarte aus der Toskana schließlich schnell mal durch eine eMail ersetzt und die Memo-App auf dem Smartphone macht Kuli und Block als Gedankenstütze überflüssig. "Gerade die jüngere Generation, die mit Computer und Handy aufgewachsen ist, zieht das Tippen dem Schreiben häufig vor und notiert oder kommuniziert oft in rudimentärer Sprache, weil das Spaß macht und nicht anstrengt", weiß Dr. Christian Marquardt, Psychologe und wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg bei Nürnberg.

Tablet statt Heft Nutzer von Whatsapp beispielsweise verschicken weltweit täglich rund 55 Milliarden Nachrichten. Und in einigen Teilen der USA, in Finnland oder China werden schon Grundschulen mit Tablets ausgestattet, verbinden bereits Erstklässler das Schreiben ganz selbstverständlich mit dem Fingerdruck auf Tasten. Schreibschrift ade? Nicht nur für Nostalgiker und Besitzer edler Füllfederhalter eine schlimme Vorstellung. Auch Wissenschaftler warnen vor möglichen Konsequenzen. Denn Studien weisen darauf hin, dass das Schreiben von Hand komplexere und kreativere Denkprozesse fördert als das Tippen auf der Tastatur. In einer Studie der Princeton University (USA) beispielsweise konnten Studenten, die bei einem Vortrag von Hand Notizen machten, Inhalte besser im Gedächtnis behalten als eine Vergleichsgruppe, die am Laptop mitschrieb.

Schreiben fördert die Hirnleistung Und französische Forscher stellten in einer Untersuchung an Vorschulkindern und Erwachsenen fest: Das Wiedererkennen und Lesen unbekannter Buchstaben – in der Erwachsenenstudie bengalische Schriftzeichen – fiel leichter, wenn die Symbole von Hand nachgeschrieben wurden. An der Universität Greifswald bildeten Neurologen sogar mithilfe eines Kernspintomografen ab, was im Gehirn während des Schreibprozesses passiert. Ergebnis: Diverse Hirnareale für Motorik und Sensorik sind dabei hochaktiv und agieren miteinander vernetzt. "Während das Tippen auf einer Tastatur die immer gleiche Bewegung beinhaltet, komponiere ich beim Schreiben von Hand ein motorisches Muster, entwickle einen Rhythmus, um Denkprozesse zu Papier zu bringen", erklärt Christian Marquardt. In einer Welt ohne Zettel und Stift könnten also kognitive Fähigkeiten wie Erinnerungsvermögen und Kreativität leiden. Und mindestens genauso wichtig: Würden wir uns künftig auf getippte Botschaften beschränken, hätten Liebesbriefe wahrscheinlich nur noch den Charme einer Steuererklärung.

Drei Viertel aller Deutschen wünschen sich nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pragma, dass wieder mehr von Hand geschrieben wird. Und 90 Prozent der Befragten empfinden handschriftliche Dokumente als besonders wertvoll.

Gegentrend erkennbar

Großer Nachfrage erfreuen sich spezielle Handschrift-Magazine und Kalligrafie-Kurse. Und in Buchhandlungen erleben liebevoll gestaltete Tagebücher, Alben und Kladden eine Renaissance. Ein Gegentrend zur Technisierung, der Handschrift-Coach Susanne Dorendorff aus Hamburg nicht überrascht. "Schreiben ist etwas sehr Emotionales, versetzt uns in die Lage, Gedanken und Gefühle auf ganz individuelle Weise auszudrücken. Eine gut leserliche, flüssige Handschrift vermittelt anderen Menschen ein Bild von mir, das so charakteristisch wie die eigene Stimme ist." Darüber hinaus ist die Expertin davon überzeugt: Wie eine Person schreibt, wirkt sich auf ihr Selbstwertgefühl, manchmal sogar auf den Erfolg im Beruf aus. Umso schlimmer, wenn das, was da aus Kuli oder Feder fließt, nur als Sauklaue bezeichnet werden kann. "Bei mir sitzen 30-jährige Manager, denen vor Aufregung die Brille beschlägt, wenn ich sie um eine Schreibprobe bitte", erzählt Dorendorff. "Sie schämen sich für eine krakelige, kindliche Schrift und haben Angst, dadurch in Job und Privatleben unangenehm aufzufallen." Dann heißt es: noch mal ganz von vorne anfangen und das, was beim Alphabet lernen in der Schule schiefgelaufen ist, aufarbeiten. Viele halten den Stift völlig verkrampft, kratzen in einem ungünstigen Winkel in Klauenhaltung über das Papier oder sind nicht in der Lage, lesbare Verbindungen zwischen einzelnen Buchstaben herzustellen. Wirklich flüssig und sauber schreiben lernen – das gelingt heute nur noch einem kleinen Bruchteil der Grundschüler. Und das Problem setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. "Kein Wunder, dass ein Touchscreen dann verlockender erscheint als Bleistift und Papier, wenn Schreiben mit Mühe verbunden ist", meint Christian Marquardt. Er sieht die Gründe für eine nicht ausgereifte Handschrift vor allem in den Vorgaben der Lehrpläne. "Schnelles Schreiben erfordert andere Fähigkeiten als korrektes Schreiben." Erstklässler sollen beispielsweise den Stift nicht absetzen. Doch "Luftsprünge" mit dem Stift erlauben ein höheres Schreibtempo. Die Kinder können etwa beim Diktat mit der geforderten Geschwindigkeit nicht mehr mithalten, ihre Schrift wird ungenau. Seit Jahren fordern deshalb viele Bildungsforscher eine neue Ausrichtung des Schreibunterrichts.

Richtige Schreibtechnik

Auch Susanne Dorendorff hält eine Reform für überfällig. Bis dahin unterstützt sie Kinder und Erwachsene mit einem eigens entwickelten Schreibtraining. "Bei der Stifthaltung geht es los. Viele schreiben deutlich besser, sobald sie den Stift als Verlängerung des Zeigefingers nutzen, nur leicht mit dem Daumen stützen und ihn nicht mehr umklammern." Mit der richtigen Technik kommt meist der Spaß am Schreiben. Gelegenheiten, PC oder Smartphone mal nicht zu benutzen und stattdessen das Schreiben zu trainieren, gibt es jeden Tag: etwa einen Guten-Morgen-Gruß an den Partner auf Klebezettel am Badezimmerspiegel notiert, Termine von Hand in den Kalender schreiben, interessante Beobachtungen auf einer Zugfahrt oder im Café kurz im Notizbuch festhalten.

Wer nun hochmotiviert einen Kalligrafie-Unterricht bucht, sollte eines bedenken: Schönschreiben ist eine eigene Kunstform und hat mit einem authentischen, persönlichen Schreibstil wenig tun. "Dabei werden Buchstaben und Schriftzeichen aus einzelnen Bögen und Strichen zusammengesetzt, das entspricht eher dem Zeichnen. Macht natürlich auch Freude, ist aber nicht mit der Schreibschrift verwandt", erklärt Susanne Dorendorff. Ihr liegt es am Herzen, ein großes Missverständnis aufzuklären – vor allem, weil sie als Handschrift-Coach zu 95 Prozent Männer und Jungen betreut, die insgesamt einen schwereren Zugang zum Schreiben finden: "Eine klare Handschrift muss nicht im klassischen Sinn schön aussehen und mädchenhafte Lillifee-Schnörkel aufweisen." Zackig oder rundlich, ausladend oder komprimiert, nach rechts oder links geneigt? Ganz egal. Wichtig ist nur, dass wir die Kultur der Schreibschrift pflegen. Denn spätestens beim nächsten Strandurlaub, wenn Sie mit Zeigefinger oder Stock Ihren Namen in den Sand schreiben, wird klar: Unsere Handschrift ist unersetzlich!

Kleine Schreibschule Tipps, wie flüssigeres Schreiben gelingt: Den Stift locker auf den Mittelfinger legen, Zeigefinger liegt obenauf, der Daumen stützt leicht ab. Experimentieren Sie mit unterschiedlichen Stiften und Blöcken, wechselnden Schreibhaltung und Schreibunterlage. Nicht krampfhaft den Stift auf dem Papier halten. Setzen Sie ihn ab und zu ab. Achten Sie vor allem auf einen angenehmen Rhythmus und nicht so sehr auf Perfektion bei den einzelnen Buchstaben. Jeden Tag in kleinen „Häppchen“ schreiben: Notizen, Listen, und eventuell auch einmal ein Zitat oder einen Spruch. Ausprobieren: Wie wirkt sich Getipptes und Geschriebenes auf mein Denken, Fühlen und Gemütszustand aus?