DIE WELT_Mai 1991, Susanne Dorendorff schreibt Kunstvolles für die Werbung, Autor: Gisela Reiners


Mit kratziger Feder und sanftem Pinsel

Mal schwungvoll mal ruhig wie ihre Schrift ist Susanne Dorendorff. Schreiben ist ihre Passion, ihre Obsession, ihre Profession. „Das Wort geht durch mich durch wie der Ton bei einem Musiker. Ich interpretiere es. Ich drücke in der Schrift meine Emotion aus, wenn ich weiter schreibe werde ich ruhiger, reduziere, schreibe ineinander, abstrahiere, bis zur noch Zeichen übrig sind.“ Ihre Schrift findet sich dann in Schwarz oder Farbe, aufregend oder besänftigend, rauh und kratzig oder sanft und geschwungen auf Papier, Pappe, Holz oder Karton, gerahmt, gedruckt oder vervielfältigt auf Annoncen, Karten, Bildern – überall, wo Schrift, Handschrift im Wortsinn, ihren schönen Platz hat.

Sie schreibt mit „allem, was Farbe annimmt“ – mit teuren Pinseln aus dem Haar chinesischer Eichhörnchen, billigen aus Schweineborsten, Vogelfedern, Federn aus Bambus und Metall, Stiften, aber auch halben Wäscheklammern oder einem zurechtgestutzten Scheit einer Holzkiste. Zum Schreiben nimmt sie Aquarellfarben, Tusche, Klebstoff, Nagellack, Eisengallus, Chinatinte, „und machmal koch‘ ich mir was, zum Beispiel Tee. Für die Illustrationen der „Möwe Jonathan“ habe ich Farben mit Meerwasser angerührt und verdünnt. Das war mir wichtig für das Gefühl beim Schreiben.“

Frau Dorendorff, zu Hause in einer geräumigen Parterrewohung in Volksdorf, arbeitet dort als Kalligraphin, als Schreibkünstlerin, als leidenschaftliche Anhängerin des schönen Schreibens, „nicht der Schönschrift.“ Für Kalligraphie-Professoren, „diese Schrift-Päpste“, hat sie nur Zorn: „Sie blockieren die Entwicklung der Schrift, wollen’s nur sauber und adrett. Doch Schrift ist mehr als nur ein dekorativer Schnörkel, als „Klappkarten-Kalligraphie. Viel mehr.“ Sie beweist es.

Die Musik des „Phantoms der Oper“ hat sie umgesetzt in Schrift. Den Namen de Hlden Raoul, hat sie geschrieben, bis zu Zeichen verfremdet, verbunden mit einem Zitat: „Mal für mich die Welt mit Farben an“ aus der zehnten Szene des ersten Aktes. Für die Oper „Carmen“ hat sie ein Platten-Cover entworfen – „da mußte meine Schrift auf genau 33 Zentimeter Breite passen, ein völlig neue Erfahrung.“

Doch sie schreibt auch für die Werbung. Montblanc (Werbeslogan: The Art of Writing!) wirbt mit ihrer Handschrift, aber auch ein exquisiter Gartengestalter in Wandsbek, der sich von ihr einen Schriftzug als Logo entwerfen ließ. In einer Annonce für ihn meint man gesplittertes Holz und zerzauste Äste zu sehen, nur weil sie mit kratziger Feder, spritzender Feder „Windbruch“ und einem faserigen Pinsel „Sturmschäden“ geschrieben hat, die der Gärtner zu beseitigen sich anbietet.

Die 43jährige, geschiedene Mutter eines 17jährigen, hat gelernt, was sie schreibt: Kunstschule Alsterdamm, Fachhochschule für Gestaltung. „Doch die Ausbildung ist nicht so wichtig. Viel mehr Künstler könnten schreiben. Es kommt auf den Wunsch an, sich zu äußern.“ Sie arbeitet frei, fühlt Rückenwind seit einem Jahr, hat schon einen Mitarbeiter ein- und ein Faxgerät aufgestellt, „Art Writing-Design“ auf ihre Visitenkarte geschrieben. „Es war ein mörderischer Ritt“, sagt sie dazu, „aber ich habe einfach an mich geglaubt.“ Die Edition ist in Vorbereitung, ein Laden für Geschriebenes und Schreibutensilien geplant.

Ihr Schreibtisch ist ein wenig größer als bei anderen Leuten, steht vor dem großen Gartenfenster des Wohnzimmers, daneben ein locker bestücktes Regal mit Farben und Geräten. Nichts Aufgeregtes, nicht Aufregendes. Die Sensationen spielen sich in ihrem Kopf ab, spiegeln sich in wunderbar lebendigen Augen in einem ausdrucksvollen Gesicht. Eine Frau hat sich gefunden.