NOVUM-Gebrauchsgrafik, Ausgabe März 1993, Autorin: Birgit Feigl







Susanne Dorendorff

Kalligrafie – übersetzt als "die Kunst des schönen Schreibens" – will nicht so recht passen zur Arbeit von Susanne Dorendorff. Ihr Ziel ist nicht die "Schönschrift", die fein säuberlich zu Papier gebracht wird; sie will vielmehr alle Möglichkeiten einer individuellen Schriftkunst ausschöpfen.

Schon während ihres Design-Studiums an der Kunstschule Alster-damm, für das sie ursprünglich im Fach Illustration eingeschrieben war, ließ sie sich nicht in ein Schema zwängen; eine Entwicklung der eigenen Fähigkeiten ist nur möglich, wenn man sich nicht auf eine bestimmte Technik festlegen läßt, nicht auf ein und dasselbe Material beschränkt.

Susanne Dorendorff hat sich und ihrer Experimentierfreude im freien Umgang mit Schrift keine Grenzen gesetzt und auch Gegenstände wie Bambusfedern, Metallstifte, halbierte Wäscheklammern oder Holz-späne in funktionsfähige Schreibgeräte verwandelt. Diese Arbeits-weise ließ den ungewöhnlichen Duktus ihrer kalligrafischen Illu-strationen entstehen, die Spannung der Schriftzeichen in ihrer Beziehung zueinander. Das geschriebene Wort erhält seine Aus-sagekraft nicht mehr durch die Wahl der Schriftformen, sondern durch seinen emotionalen Gehalt: "Ich schreibe ein Wort, wie ich es empfinde."

Das Schreiben als gedanklich-sinnliche Tätigkeit wurde zur Leiden-schaft und entwickelte sich weiter zum meditativen Schreiben. Es entstanden illustrative Kalligrafien, bei denen die Lesbarkeit eines Schriftzuges an Bedeutung verlor; im Vordergrund standen die Persönlichkeit der Schreibenden und ihre Empfindungen. Ein Beispiel dafür sind Susanne Dorendorffs kalligrafische Impressionen zum Musical "Phantom der Oper". Hier wird die akustische Erfahrung der Musik sichtbar, visuell erlebbar gemacht.

Die Entwicklung der eigenen Handschrift läuft parallel mit der Bildung des Charakters und ist eingebunden in einen stetigen Reifeprozeß. "Ich setze meine Persönlichkeit in Schrift um" sagt Susanne Doren-dorff über sich selbst, "in jedem Pinselstrich oder Farbton liegt ein Teil meiner Intensität und Dynamik."

Um der künstlerisch gestalteten Schrift mehr Beachtung zu ver-schaffen, hat Susanne Dorendorff 1992 in Hamburg die erste Galerie für zeitgenössische Schriftkunst eröffnet. Neben wechselnden Aus-stellungen, der Vorstellung von historischen Schriften ebenso wie von Shodo, der japanischen Kalligrafie, findet an jedem Ersten des Monats ein "Galerie-Frühstück" statt, das die Möglichkeit zu regem Erfah-rungsaustausch bietet.

Mittlerweile unterrichtet Susanne Dorendorff als Dozentin für Art Writing-Design an der Kunstschule Alsterdamm. Sie lediglich als Kalligrafin zu bezeichnen, würde jedoch den Kern der Sache, er sie sich im wahrsten Sinne des Wortes verschrieben hat, nicht gerecht werden. Ihr Unterricht paßt nicht ins gängige Schema des Lehrplans; er geht weit über die Vorstellung von traditioneller Kalligrafie hinaus. Ziel ist nicht die ästhetische Anmutung und sauber geschriebene Schriftzeichen, die die eigene Kreativität, das Gefühl für den individuellen Ausdruck oft nur blockieren und den Formenreichtum, der der Schriftkunst ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, schmälern. Nach jahrelanger, äußerst intensiver Auseinandersetzung mit unter-schiedlichsten Schriftformen und Schreibgeräten bzw. Materialien ist es Susanne Dorendorff gelungen, der Kalligrafie eine neue Dimension zu geben.