NOVUM-Gebrauchsgrafik, Ausgabe August 1986, Autor: Philipp Luidl

Philipp Luidl war Dozent für Typografie an der Akademie für das Grafische Gewerbe in München und Vorstandsmitglied der Typografischen Gesellschaft München

Der Spiegel an der Wand, die tägliche Frage "Wer bin ich?" hat sich bei Susanne Dorendorff in Tusche verwandelt. Was ihr daraus entgegenblickt, ist sie selbst. Mit aller Heiterkeit, aller Bitterkeit.

Den lesbaren Text, das sichtbare Wort, für wen und für wie lange noch schreiben wir sie? Sind nicht die Medien dabei, uns alles zu bebildern? Strecken nicht alle die Hand nach dem Wort aus, legen Hand an ihm an? Nach dem Wort als Wort, nicht nach dem propagandistischen, dem verletzenden, dem tötenden. Nach dem Wort als Glocke, dem nachtönenden. Aber brauchen wir noch Glocken im Reich der Sirenen? Benötigen wir noch die menschliche Stimme, die täglich niedergebrüllt wird von Millionen Fahrzeugen? Ist nicht längst eine neue Sprache entstanden mit einem neuen Alphabet, das uns überall anspricht: Rot, Gelb, Grün.

Man könnte die Fragezeichen ins Unendliche fortsetzen, und gewiß ließe sich auf jedes eine Antwort formulieren. Nur, wie ehrlich würden die Ausrufezeichen sein? Susanne Dorendorff hat der Sprache ein ehrliches, wiewohl kein gemütliches Zuhause geschaffen. Sie hat ihr noch einmal eine Atempuse eingeräumt, läßt sie nachklingen. Was bei ihr untergebracht ist, hat die Chance zu überleben. Es gibt also auch noch die Möglichkeit, das vergessene Wort zurückzuholen. Wir können Carmen noch einmal tanzen sehen - und verbluten. Wir können die Liebe, wie falsch wir sie auch immer aussprechen, in ihrer zerbrechlichen Gestalt gewahr werden. Wir können die Gedanken Rodins in ihrer künstlerischen Konsequenz spüren. - Kalligrafie ist dafür eigenlich ein unpassender Begriff. Und ein zu Tode geschriebener obendrein.

Wer was rechtes leisten will, muß auf das beste Werkzeug halten, deklamierte Goethe einmal. Susanne Dorendorff ist jedes Werkzeug willkommen, vom Federkiel bis zum Holzspan. Und ebenso, wie sie innerhalb eines Satzes das Werkzeug wechselt, ändert sie innerhalb eines Wortes auch die Farbe. Sie braucht das Wort nicht ihrer Feder und Farbe wegen, sie braucht Feder und Farbe des Wortes wegen. Öfter als einmal kommt es vor, daß ihre Texte scheu sind. Dann lehnt sie es ab, Fallen zu stellen. Sie müssen ihr die Tinte aus der Hand schlürfen. Diese Vertraulichkeit ist Voraussetzung ihrer Arbeit. Das verlangt nicht nur Kenntnis der Materie, sondern dazu noch eine Menge Geduld. "Am Anfang spürte ich, wie die Schrift mit mir umging", bekannte Susanne Dorendorff. Und sie fuhr fort: "Nun spüre ich, wie ich mit ihr umgehe."

Woher ich denn mein Urteil nähme fragte sie mich. Und ich wußte es nicht auf Anhieb. Vielleicht durch den Umgang mit dem Wort auf meine Weise. Vielleicht aus dem Augenblick der Bekanntschaft mit ihren Texten, die mich auf eine fremde Art angesprochen haben, angefallen, wie eine Meute den Arglosen. Ihre Zeilen verbissen sich in meinen Blick. Aus dieser Begegnung ist mir die Gewißheit erwachsen, daß die von ihr gewählten Texte lebensfähig sind.

Seit Mai 1985 besitzt sie ein eigenes Atelier. Im Dezember des gleichen Jahres entschloß sie sich, ihr Leben ausschließlich dem Schreiben zu widmen.

Gerade im Zeitalter der Elektronik, in der die Schrift heillos dem Matrixraster zum Opfer fällt, brauchen wir die Antithese der Hand dringender den je. Ich glaube, Susanne Dorendorff besitzt nicht nur das Zeug, sondern auch die Kraft, diesen Widerpart zu spielen.

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