PAGE_10/92, Kalligraphie der anderen Art, Autorin: Antje Dohmann



Mit viel Energie, Mut und Können eröffnete Susanne Dorendorff in Hamburg die erste Schrift-Galerie Deutschlands. Unter anderem setzte sie die Musik des "Phantom der Oper" in Schriftkunst um(rechts oben Raoul, aus der Sicht Christines). Der Text wurde reduziert auf: "Mal für mich die Welt mit Farben an", zum Ausdruck in erster Linie die Farbe. Kalligrafische Illustrationen machen "Die Möwe Jonathan" (rechts unten) zum Kunstbuch.

Gespür für den richtigen Trend: das bewies Susanne Dorendorff mit der ersten Schrift-Galerie Deutschlands. Die "PostScript-Fonts für jedermann"-Euphorie hat nachgelassen, Handschrift gewinnt wieder an Bedeutung. Auch in der Werbung, wo die energiegeladene Grafik-Designerin und Illustratorin vor ihrem Schrift in die Selbständigkeit tätig war. Montblanc bespielsweise wirbt mit ihrer Handschrift. In der Galerie am Hamburger Michel zeigt Susanne Dorendorff ihre Arbeiten – Schriftkunst, Art-Writing und Kalligraphie, als Drucke und Originale zu haben -, die anders sind als alles, was man in Kalligraphiebüchern findet. Die 45jährige interpretiert die Worte, drückt in ihrer Arbeit Gefühle und Empfindungen aus, sie greift zu ungewöhnlichen Schreibutensilien und zur Farbe. Suanne Dorendorff haucht den Buchstaben neues Leben ein, und das unterscheidet sie von der alten Garde der Kalligraphen, die sich angesichts ihrer bunten, Lebensfreude ausdrückenden Lettern empört von ihr distanzieren.

Die Musik des Musicals "Phantom der Oper" interpretierte die Hamburgerin auf ihre Weise in 35 kalligraphischen Phantom-Szenen. Ihre Illustrationen zu dem weltbekannten Buch "Die Möwe Jonathan" machen jeden neidisch, der eine Ausgabe ohne sie besitzt. Für diesen Auftrag mischte die Schreibkünstlerin die Farben mit Meerwasser, um beim Schreiben das richtige Gefühl für das Thema zu entwickeln.

Auch Briefpapier und Visitenkarten entwirft Susanne Dorendorff – individuell und persönlich. Manch einem vielleicht zu persönlich, denn am Anfang einer solchen Arbeit stehen lange Gespräche mit dem Auftraggeber, damit die Künstlerin später den richtigen Schriftton trifft. Möglicherweise wird jedoch der Erfolg ihrer Idee schon bald dafür sorgen, daß sie sich diesen Luxus nicht mehr leisten kann.

Wer nicht nur gucken will, kann auch kaufen: die Exponate oder – bei kleinerem Geldbeutel – in der angeschlossenen Papeterie kalligraphisch gestaltetes Geschenkpapier, das sich ebensogut als Poster verwenden läßt, außerdem Grußkarten und Kalligraphiebedarf.

Einmal im Monat verwandelt sich die Galerie zum Frühstückszimmer. Mit dem Galerie-Frühstück bietet Susanne Dorendorff Schriftinteressierten ein informatives und garantiert fröhliches Forum für den Gedankenaustausch.