Wunderwerk Hand - das Werkzeug der Superlative


450 Millionen Jahre dauerte es, bis aus den Brustflossen der Urfische die ersten Hände entstanden - der große Augenblick kam dann vor etwa fünf Millionen Jahren, als sich der Mensch aufrichtete: Von da an hatte er die Hände frei - mit den fünf Fingern gewannen unsere Vorfahren Instrumente, mit denen die Welt für sie begreifbar wurde.

Als amerikanische Anthropologen jetzt die Feinmotorik von Neandertalern untersuchten, wurde klar, warum sie keine Chance zu überleben hatten. Sie starben aus, weil ihre Hände weniger Nerven und motorische Fähigkeiten hatten als die der ersten Urmenschen. Mit ihren Händen konnten diese die besseren Werkzeuge und Waffen bauen und besiegelten so den Untergang der Konkurrenten.

Auch 160 000 Jahren später hat sie nichts von ihrer Macht und Faszination eingebüßt. Die Hand ist ein Geniestreich der Evolution. Sie ist das Werkzeug, das unseren Geist erst zu dem machte, was er ist. Erst war das Greifen, dann kam das Begreifen. Ohne die einzigartigen Fähigkeiten der Hand hätte das Gehirn keinen Grund gehabt, so leistungsfähig zu werden, stellte der US-Neurologe Frank Wilson fest. Erst kam die Hand und konnte etwas, dann lernte das Gehirn dieses Können zu nutzen und wuchs an diesen Aufgaben. Die ständig sich verbessernden manuellen Fähigkeiten zwangen das Gehirn, immer neuere Eindrücke zu verarbeiten und immer komplexere Handlungen zu steuern.

Tatsache ist: Kein anderes Organ ist so eng mit dem Gehirn verbunden wie die Hand. 30 % des Bewegungszentrums im Gehirn werden von den Händen beansprucht. Zum Vergleich: Den Füßen steht nur so viel Hirnsteuerung zu wie zwei Fingern. Vom Befehl zur Ausführung ist der Weg zwischen Hirn und Hand nur 100 Millisekunden kurz.

Daß Fingerübungen das Gehirn und Kurzzeitgedächtnis trainieren, fand auch der profilierteste Sportmediziner der Welt, Wildor Hollmann, heraus. Auch Studien mit Blinden bewiesen, daß die Finger tatsächlich direkt unser Denken, unsere geistigen Fähigkeiten und unser Gehirn beeinflussen. Beim Lernen der Blindenschrift z. B. vergrößert sich das für den Lesefinger zuständige Hirnareal immer weiter. Ähnliches beobachtete man bei Klaviervirtuosen und beim 10-Finger-Tastschreiben auf der PC-Tastatur (Schreibmaschine). Sie trainieren beim Üben nicht nur ihre Feinmotorik, sondern auch Konzentrationsfähigkeit, Denkvermögen und mathematische Fähigkeiten.

Die Wissenschaftler erforschten noch eine spannende Verbindung zwischen Hand und Gehirn: Das Geheimnis des Gestikulierens. Gesten wirken offenbar direkt auf unser Sprachzentrum. Im Versuch hinderte man Testpersonen am Gestikulieren. Das Ergebnis war frappierend. Sie sprachen weniger flüssig, hatten Formulierungsprobleme und sogar die Sprachinhalte veränderten sich. Wir brauchen die Hände also auch zum Sprechen - vor allem, wenn wir mit Worten überzeugen wollen. (Ähnliche Resultate erhalten wir bei Nichtvermittlung von Schrift/Schreiben).

Nun geht es um die Frage: Wenn der Mensch durch die Hand den größten Sprung der Evolution schaffte, warum gelang dies dann auch nicht unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen? Dieser Frage sind Forscher der Uni Bochum nachgegangen. Sie stellten fest, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Händen eines Orang-Utans und eines Star-Pianisten gibt. Anatomisch gesehen könnte der Affe ein Klavierkonzert genauso brillant spielen, doch ihm fehlt der menschliche Nervenhighway zwischen Hand und Gehirn. An dieser Stelle stößt die Wissenschaft auf eine verschlossene Tür. Steven Spielberg präsentiert in seinem Kinofilm "A.I." zwar eine Welt der perfekt denkenden und mit einem perfekten Tastsinn ausgestatteten Roboter, jedoch ist die Wirklichkeit davon noch meilenweit entfernt. Das Wunderwerk Hand ist zwar nicht kopierbar, jedoch außerordentlich trainierbar.

Obwohl unsere Kinder mit dem menschlichen Nervenhighway ausgestattet sind, werden sie durch die curricularen und bildungspolitischen Versäumnisse und durch die Ignoranz der Bildungsverantwortlichen regelrecht daran gehindert, ihn einzusetzen bzw. zu trainieren. TIMSS-, PISA- und die Alphabetisierungsstudien haben gezeigt, dass unsere Bildungsverantwortlichen anscheinend über die Zusammenhänge von Hirn und Hand und deren gezielten und trainierten Einsatz nichts wissen bzw. nichts wissen wollen. Durch eine nicht fundiert vermittelte Arbeitstechnik Schrift/Schreiben kann weder eine Lesekompetenz noch eine Schreibkompetenz interdisziplinär bei unseren Kindern in der Schule erzielt werden. Das verbale Beschreiben von Knöpfen, Maus und Arbeitsschritten, verbunden mit unergonomischem und unrationellem Bedienen eines Computers wirkt in keinster Weise positiv und entwickelnd auf die Entfaltung des Bewegungszentrums im Gehirn unserer Kinder. Daher können auch keine besseren Ergebnisse in der Schule und den erwähnten Studien erwartet werden, es sei denn, man schraubt das sowieso schon niedrige Niveau noch weiter herunter.

Daher ergeht ein dringender Appell an unsere Bildungsverantwortlichen, sich dem "Wunderwerk Hand", dem Werkzeug des Geistes, recht intensiv zu widmen, um endlich dadurch unseren Kindern eine bessere Ausgangsposition in Schule, Studium und Beruf zu geben, durch eine gewonnene Körperhaltung sich wieder aufrichten zu können (weniger Haltungsschäden) und für sie die Welt wieder begreifbarer zu machen. Denn die Hand kann: sprechen und lesen, segnen und trösten. Sie ist feinfühlig, zerstörerisch und heilend. Die Hand erschließt dem Menschen Welten - sie zwingt das Gehirn, Eindrücke zu verarbeiten und immer komplexere Handlungen zu steuern. Erst durch die Hand wurde der Mensch selbst zum erfolgreichen Gehilfen unseres Schöpfers ... und nicht durch den Computer.

 

Für Sie gelesen und bearbeitet aus "tv-hören und sehen": MaxQ/Irene Brünger/2000